Languishing oder einfach nur "Meh"

Hast du auch manchmal Tage, an denen du dir einfach bei allem denkst: "Meh". Das Aufstehen will nicht richtig klappen und vielleicht hast du an diesem Tag zu viel oder zu wenig zu tun. Dieser Gefühlszustand begleitet viele schon seit Längerem, manche möglicherweise schon seit Beginn der Pandemie. Auch ich kenne diesen Zustand von "Meh" und bin kürzlich über den Begriff "Languishing" gestolpert.


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Was ist Languishing?


Der Begriff "Languishing" ist in den amerikanischen Medien zurzeit in aller Munde. Es begreift einen Gemütszustand der mentalen Erschöpfung, einer Leere oder Antriebslosigkeit. Languishing ist aber keine Depression. Die New York Times beschreibt es als "neglected middle child of mental health".

Viele von uns stecken zurzeit fest, in einem eintönigen oder viel zu stressigen Alltag - in einem ständigen Wechseln von Hoffnung und Frust. Auch ich wurde vor allem seit dem Beginn des neuen Jahres 2021 damit konfrontiert.

Die Konzentrationsfähigkeit sinkt und gleichzeitig auch meist die Motivation. Worauf arbeite ich hin? Was sind meine Ziele? Diese Fragen stellen sich vor allem in Zeiten, in denen wir wenig bis garnichts haben, auf das wir uns freuen können.

Eine großangelegte Studie aus vielen verschiedenen Ländern (veröffentlicht im Magazin The Lancet) zeigte klar, dass seit Ausbruch der Pandemie Angstzustände und Depressionen vor allem bei jungen Menschen zugenommen haben.

Doch bei Languishing ist es etwas anders - es beschreibt eigentlich lediglich die Abwesenheit von Wohlbefinden. So kann man auf die Frage: Wie geht es dir? nicht antworten "Mir geht es gut", aber eigentlich auch nicht "Mir geht es schlecht". Das vorherrschende Gefühl ist Leere.

Das mag vielleicht zuerst wie ein "First World Problem" klingen, doch bei genauerer Betrachtung ist es das eben nicht. Der amerikanische Psychologe Corey Keyes, der sich besonders mit positiver Psychologie beschäftigt hat bereits im Jahr 2002 den Begriff "Languishing" in seinen Publikationen verwendet. Und er weißt darauf hin, dass Menschen die Languishing erleben im kommenden Jahrzehnt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Symptome einer Depression entwickeln können. Und das zeigt schon sehr gut, dass wir ein solches Gefühl der Leere nicht ignorieren dürfen.



Und jetzt?


Aber keine Angst, nur weil du dich jetzt möglicherweise in der Beschreibung von "Languishing" wiedergefunden hast, heißt das nicht, dass du depressiv wirst. So einfach ist es dann wieder doch nicht.

Dennoch ist es wichtig, dass wir das Gefühl im Auge behalten und uns aktiv Möglichkeiten suchen Freude zu empfinden.

Für mich war es zum Beispiel so, dass ich keinen Namen für mein Gefühl hatte. Es war einfach dieses dumpfe "Meh" das oft tagelang nicht verschwand. Jetzt, wo ich eine Beschreibung bzw. einen Namen dazu gefunden habe, ist es für mich leichter damit umzugehen. Ich kann einordnen warum und woher dieser Gemütszustand kommt.

"Languishing" wird nicht verschwinden, nur weil ich nun weiß, dass es da ist. Aber ich habe jetzt zumindest die Möglichkeit aktiv dagegen vorzugehen. Weil wenn man nicht weiß was man bekämpft, wird ein Sieg schwierig.


Ich möchte hier auf keinen Fall sagen, dass du immer gut drauf sein musst und zu 100% motiviert und energetisiert. Dauerhaft glücklich und aufgeregt zu sein ist für keinen Menschen dauerhaft gut.

Was ich dir aber sagen möchte, hör auf dich und die Zeichen, die dir dein Körper gibt. Meistens sagt er dir was er will - was wir wahrscheinlich alle lernen müssen, ist diese Zeichen deuten zu lernen.

Wann brauche ich einfach nur eine Pause und wann wäre es aber Zeit mir Unterstützung von außen zu holen.



"Minding your own mind"


Wie ich schon im ersten Beitrag erwähnt habe, werde ich mir vor allem zu diversen Themen im Bereich Psychologie professionelle Unterstützung holen. "Minding your own mind" wird als eigenes kleines Format auf diesem Blog laufen und immer wieder in Beiträgen zu finden sein. Wenn Interesse besteht können wir auch gerne ganz eigene Blog Posts dazu machen.


Heute ist es zum ersten Mal soweit und eine ausgebildete Gesundheitspsychologin wird ein paar Fragen zum Thema Languishing beantworten.



Woher kommt dieser Gefühlszustand der Leere?


In der wissenschaftlichen Psychologie unterscheiden wir zwischen Gefühlen, Emotionen und dem Affekt. Leere zu empfinden kann als Emotion betrachtet werden. Wichtig ist zu verstehen, wie und warum wir Emotionen fühlen und wie wir diese wahrnehmen. Alle Emotionen gehen mit körperlichen Empfindungen, Verhaltensveränderungen und Gedanken einher. Emotionen, wie z.B. Leere, entstehen nicht ohne Grund, sondern wir erleben im Vorfeld eine Erinnerung, einen Gedanken, ein inneres Bild, eine andere Emotion, oder eine aktuelle Situation. Nicht zu vernachlässigen sind Körperempfindungen, wie z.B. Müdigkeit oder Hunger. Unser Gehirn funktioniert wie ein Umgebungsscanner und versucht uns aufgrund diverser Informationen und basierend auf Erfahrungen die bestmögliche Emotion zu geben. Doch warum brauchen wir Emotionen? Hinter Emotionen stecken immer Bedürfnisse – die natürlich ganz individuell sein können. Unser emotionales System agiert als Schutzsystem, um uns vor Gefahren zu bewahren, kann aber natürlich in manchen Situationen überreagieren.

Wenn wir also Leere empfinden, müssen wir verschiedene Entstehungsfaktoren berücksichtigen sowie uns mit unseren Bedürfnissen auseinandersetzen.


Kann Languishing wirklich gefährlich werden?


Ja und nein. In meiner täglichen Arbeit als Psychologin erlebe ich es immer wieder, dass Personen den Anspruch an sich selbst haben, die meiste Zeit über in guter Stimmungslage zu sein und negative Emotionen zu vermeiden. Aus der Forschung und Therapie wissen wir aber, dass eine so genannte emotionsphobische Haltung – also der Versuch negative Emotionen zu vermeiden – in den meisten Fällen zu dysfunktionalen Bewältigungsstrategien führt und uns in unserer Anpassungsfähigkeit hemmt. Schwankungen in der Stimmungslage und das Erleben von unangenehmen Emotionen, wie z.B. Leere, gehören zu unserem Leben – sowie das Wetter. Um mit unangenehmen Emotionen bestmöglich umzugehen, ist es zum einen wichtig die eigenen Bedürfnisse hinter der Emotion zu erkennen und zum anderen an funktionalen Bewältigungsstrategien zu arbeiten. Hilfreich in solchen Situationen kann unter anderem innere Achtsamkeit sein. In einem ersten Schritt sollten die Emotionen wertfrei akzeptiert werden („Es ist okay, dass ich mich so fühle“) und im nächsten Schritt kann das dahinterliegende Bedürfnis reflektiert werden. Häufig ist es auch hilfreich, sich mit den aufkommenden körperlichen Empfindungen, inneren Bildern und Gedanken auseinanderzusetzen.

Languishing, oder das Erleben von Leere, kann dann gefährlich werden, wenn die Emotion länger andauert und Bewältigungsversuche wenig hilfreich sind. Natürlich ist dies immer individuell unterschiedlich, aber als Faustregel solltest du dir nach 2 Wochen Hilfe holen.

Du fühlst dich also seit 2 Wochen innerlich leer und verfällst nun ihn Panik? Keine Angst, so schnell geht das nicht. Um von einer depressiven Episode sprechen zu können, müssen neben innerer Leere noch weitere Symptome bestehen. Dazu zählen, z.B. Verlust von Selbstwert, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit oder körperliche Beschwerden, wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Falls du mehrere dieser Symptome über einen Zeitraum von 2 Wochen hinweg verspürst und deine Bewältigungsversuche ins Leere gehen, würde ich dir auf alle Fälle raten professionelle Hilfe zu holen.


Gibt es Möglichkeiten, um aktiv einer depressiven Phase oder sogar einer Depression vorzubeugen?


Natürlich. Durch die steigende Anzahl an Depressionen gibt es viele Bemühungen Forschung zum Thema Prävention zu betreiben. Als zertifizierte Gesundheitspsychologin ist Prävention und Lebensstiländerung genau mein Thema. Eine sehr große antidepressive Wirkung hat Bewegung. Ich spreche extra vom Begriff „Bewegung“, da in unserer Gesellschaft Sport häufig mit Gewichtsverlust und dem Verbrennen von Kalorien in Verbindung gesetzt wird. Aus der Lebensstiländerungsforschung wissen wir, dass die Beweggründe, um ein Ziel zu erreichen essenziell mit dem Erfolg der Zielerreichung zusammenhängen. Ist unser primäres Ziel also, Sport zu machen, um abzunehmen, wird das häufig nach hinten los gehen. Fokussieren wir uns aber auf die Vorteile von Bewegung, wie z.B. der Spaß an der Bewegung oder der Steigerung des Wohlbefindens und Stimmung, so fällt es uns viel leichter regelmäßig Bewegung zu machen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für unser psychisches Wohlbefinden sind eine ausgewogene nahrhafte Ernährung sowie soziale Kontakte. Der Verlust der Sozialkontakte während der Pandemie kann eine mögliche Erklärung für „Languishing“ sein. Durch soziale Medien und moderne Kommunikationsmittel können wir uns aber unsere tägliche Portion an Sozialkontakten holen.


Ab wann sollte ich mir Hilfe holen?


Wie schon weiter oben beschrieben, solltest du dir professionelle Hilfe von Klinischen Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen oder Psychiater:innen holen, wenn du neben der inneren Leere noch weitere Symptome über einen Zeitraum von 2 Wochen hinweg erlebst, oder wenn du das Gefühl hast du schaffst es alleine nicht mehr. Reden hilft!

Darf man sich nur Hilfe holen, wenn ich es selbst nicht mehr schaffe? Natürlich nicht! Wie schon beschrieben können euch Gesundheitspsycholog:innen dabei unterstützen nachhaltig euren Lebensstil (z.B. Bewegung, Ernährung, Nikotin) zu verändern oder mit euch gemeinsam an Bewältigungsstrategien arbeiten, um mit unangenehmen Emotionen besser umzugehen.



Falls du noch weitere Fragen rund um das Thema Psychologie hast, kannst du mir gerne eine Nachricht hier oder auf Instagram schreiben.


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